Skyline Offenbach am Main
19.02.2014 erstellt von: Willi Ernst


Offenbacher Fahrradgeschichte(n)

Nichts Neues auf dieser Welt – das ist das Resultat der Suche des Chronisten nach der Geschichte der Fahrradbewegung in Offenbach.


Fahrradwege

Nachdem 1869 in Altona das erste Fahrradrennen auf deutschem Boden stattgefunden hatte, wuchs in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts die Radfahrerbewegung gewaltig. Allerorten schossen Fahrradvereine und Radrennbahnen aus dem Boden. Anno 1900 baute der Bicycle Club Offenbach den ersten Radweg, von Offenbach entlang der Wolfsschneise in den Frankfurter Stadtwald. Man beachte, daß damals noch kein Mensch von reinen Autostraßen, vulgo Autobahnen, geträumt hat!

In den zwanziger Jahren entstand unter dem damals in Offenbach regierenden Reform-Sozialisten Leonhard Eißnert das erste Radwegenetz auf dem Alleenring, das heute noch besteht. Die fünfziger Jahre brachten den Radweg an der Bieberer Straße, dem viele Offenbacher Radfahrer immer noch nachtrauern und an dessen Auferstehung der ADFC derzeit arbeitet.



Aufstieg und Untergang der Fahrradfabrik „Frisch auf"

Wegen der damals berühmten politischen Toleranz der Stadt Offenbach verlegte der Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität" im Jahre 1907 seinen Hauptsitz von Chemnitz nach Offenbach. Die bereits 1896 gegründete „Solidarität" war eine Tochter der damals von der Regierung noch heftigst bekämpften Arbeiterbewegung.

Eines der Vereinsziele der „Solidarität" war die Beschaffung preiswerter und guter Fahrräder für die Mitglieder. Einige Jahre nach dem Umzug nach Offenbach entschloß sich die Vereinsleitung, zu diesem Zwecke eine genossenschaftlich organisierte Fahrradfabrik zu gründen. 1912 war die Fabrik mit dem schönen Namen „Frisch auf" in der Sprendlinger Landstraße 220-224 fertig. Angeschlossen waren ein Bürogebäude für die Fabrik und die Bundesverwaltung des Vereins sowie drei große Mehrfamilienhäuser für die Arbeiter und Angestellten der Fabrik. Die Offenbacher staunten über die ungewohnten Luxusausstattung der Dreizimmerwohnungen mit eingerichteter Wohnküche, Bad und Kachelöfen. Der normale Standard der Jahrhundertwende – und später – war das Gemeinschafts-Plumpsklo im Hof und das wöchentliche Familienbad in der Zinkwanne in der Küche. Einen dieser Häuserblocks könnt Ihr neben dem neuen Postverteilzentrum in der Sprendlinger Landstraße noch bewundern.



In den zwanziger Jahren hatte die „Solidarität" 210.000 Mitglieder und war der größte Radfahrerbund der Welt. Wegen der großen Nachfrage wurde die Fabrik damals noch erweitert. Autofahrer durften dann auch mitmachen, der Name wurde zu „Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität" geändert.



1933 war die Herrlichkeit zu Ende – die Nationalsozialisten verboten den Verein, nicht zuletzt, um dieser roten Zelle im sowieso roten Offenbach den Garaus zu machen. Die neuen Herrscher beschlagnahmten alle Vermögenswerte und benannten die Fabrik in Mayweg-Werke um. Mitarbeiter, die sich dem Zeitgeist nicht anpassen wollten, wurden in die neu entstandenen Konzentrationslager deportiert und die Wohnhäuser im Jahre 1935 verkauft.



1946-1999 – Alles schon mal dagewesen

Nachdem die Deutschen nach dem Ende des 1000-jährigen Reiches aus den Ruinen gekrabbelt waren und das Leben langsam wieder in geordnete Bahnen kam, gründeten die übrig gebliebenen Aktivisten im Jahre 1946 den Verein neu, doch sie bekamen das Werk nicht zurück und die mickrigen Entschädigungszahlungen reichten nicht für einen Neuaufbau. Ob da der alte Zeitgeist wieder durchgekommen ist in der jungen Bundesrepublik?



Die „Solidarität" hat noch immer ihre Bundeszentrale in Offenbach, doch die Mitgliederzahlen sind weit von der vormaligen Herrlichkeit entfernt. Der ADFC bemüht sich redlich um die Nachfolge als größter Radfahrerbund der Welt, wenn auch unter weniger politischen Vorzeichen, und ist mit rund 100.000 Mitgliedern auf dem besten Wege dazu.

Sozialdemokratische Fahrräder gibt´s auch wieder. Sie werden im Auftrag der SPD und der IDENT Marketing Gesellschaft unter der Marke „Vorwärts" bei der Bremer Fahrradmanufaktur gefertigt, aber vorerst nur in Norddeutschland verkauft.



Alten Offenbachern sind die „gritzegrienen" Frischauf-Fahrräder noch in bester Erinnerung. Nach Aussage eines hiesigen Fahrradhändlers fahren davon, ca. 80 Jahre nach dem Ende der Fabrik, immer noch welche herum. Das war Qualität! Die Radwege, die Vereine, die genossenschaftlichen Fahrräder – alles schon mal dagewesen. So modern ist unsere Zeit bei näherem Hinsehen gar nicht, und von den Altvorderen können wir Jungspunde noch so manches lernen. Deshalb wird der Chronist auch dem Offenbacher Stadtarchiv noch einige Besuche abstatten und weiter über spannende, witzige und traurige Funde zur Geschichte der Offenbacher Fahrradfahrer, –wege und –vereine berichten.



(Quellen: „Offenbach - was für eine Stadt" von W.B. Sahm und C. Uslular-Thiele, CoCon-Verlag Hanau, 1997, Museum für Verkehr und Technik, Berlin, und unser langjähriger Vorsitzender Günter Burkhart)


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