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21.02.2014 erstellt von:


Interview der Offenabch-Post mit Dr. Jan Fleischhauer

Die Öffnung weiterer Einbahnstraßen für Radfahrer in Offenbach wird heiß diskutiert. Kurz und knapp die Vorteile aus ihrer Sicht?

Bei geöffneten Einbahnstraßen müssen Radfahrer keine langen Umwege mehr fahren. Radfahrer können statt auf den stark befahrenen Hauptstraßen die verkehrsärmeren Erschließungsstraßen nutzen. Das macht das Radfahren attraktiv. Mehr Menschen steigen aufs Rad und Offenbach profitiert durch weniger Autoverkehr, Lärm und Abgase.


Diese Einschätzung wundert nicht. Autofahrer und Fußgänger geißeln vielmehr, dass die Radler sich ohnehin zu viel herausnehmen und alle Verkehrsregeln brechen. Ein Vorurteil?

Selbstverständlich gibt es auch einige Radfahrer, die sich nicht an Regeln halten, oftmals sind das die gleichen Personen, die mit dem Auto zu schnell fahren, auf dem Gehweg oder im Halteverbot parken oder am Zebrastreifen nicht halten. Welche Verkehrsart wie oft die Regeln bricht, ist bisher nicht untersucht. Bekannt ist jedoch, dass bei einem Unfall zwischen Rad- und Autofahrer in zwei von drei Fällen der Autofahrer den Unfall verschuldet hat. Die Unfallstatistik deutet also darauf hin, dass wir uns im Auto oft zu viel herausnehmen, weil wir die übrigen Verkehrsteilnehmer zu wenig beachten.
Es ist jedoch auch festzustellen, dass viele Regelverstöße von Radfahrern durch unklare Verkehrsführungen entstehen, weil beim Straßenbau die Bedürfnisse der Radfahrer und Fußgänger in der Vergangenheit oft nicht berücksichtigt werden. Nicht ohne Grund hat es viele Jahre gedauert, bis der ADFC erreicht hat, dass die Freigabe von Einbahnstraßen für Radfahrer überhaupt erprobt wurde.


Mit der Neuregelung sehen viele Kritiker bereits die Unfallzahlen in die Höhe schnellen. Gibt es bereits Erfahrungen aus anderen Städten und Gemeinden?

Diese Befürchtungen sind oft zu hören, aber völlig unbegründet: Die Bundesanstalt für Straßenwesen hat sogar nachgewiesen, dass die Verkehrssicherheit bei Einbahnstraßenfreigabe zunimmt, weil es beim Begegnen einen deutlich besseren Sichtkontakt zwischen Autofahrern und Radfahrern gibt, als wenn Radfahrer in Einbahnstraßen überholt werden. Hinzu kommt, dass auch die Unfälle mit sich öffnenden Autotüren abnehmen, weil Autofahrer die Radfahrer von vorne kommen sehen. Nach dieser Studie, in der fast 700 Einbahnstraßen aus 15 deutschen Städten untersucht wurden, profitieren auch die Fußgänger, denn der Anteil der Radfahrer, die illegal den Gehweg nutzen, geht nach einer Einbahnstraßenöffnung um zwei Drittel zurück.


Die Freigabe ist ja an einige Voraussetzungen gebunden. Sind diese Regeln Ihrer Meinung nach zu eng gefasst?

Die Öffnung von Einbahnstraßen wurde zuletzt 2009 deutlich erleichtert. Seitdem können Einbahnstraße geöffnet werden, wenn die Höchstgeschwindigkeit maximal 30 km/h beträgt und es zumindest in gewissen Abständen Begegnungsmöglichkeiten gibt. Außerdem müssen die Einmündungen z.B. durch Markierung von Fahrradpiktogrammen sicher gestaltet sein. Nur noch bei Linienbusverkehr wird eine Mindestbreite von 3,50m gefordert, damit Busse zügig vorankommen. Wenn keine Busse fahren, wird keine Mindestbreite mehr gefordert.
Zu eng gefasst sind diese Regelungen also nicht, denn fast jede Erschließungsstraße erfüllt diese Vorgaben. Aber auch wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann eine Öffnung erfolgen, indem die Einbahnstraße ganz aufgehoben wird und nur aus einer Richtung die Einfahrt für den Kraftfahrzeugverkehr verboten wird. Für diese sogenannte „unechte Einbahnstraße“ gibt es keine strengen Voraussetzungen.


Viele Radler fühlen sich im Berufsverkehr ausgebremst und abgeschnitten vom meist kürzesten Weg. Sie kritisieren, dass es zu wenige und zu schlechte Radwege gibt. Was muss passieren? Ist der Bau zusätzlicher Radschneisen ein Allheilmittel in Großstädten?

Radwege haben den Vorteil, dass Radfahrer im Berufsverkehr am Stau vorbeifahren können. Außerdem fühlen sich die meisten Radfahrer auf ihnen sicher, weil sie abseits des Autoverkehrs fahren können. Die gefühlte Sicherheit deckt sich jedoch nicht mit den Ergebnissen der Unfallforschung: Bisher haben alle Studien gezeigt, dass das Fahren auf Radwegen innerorts gefährlicher ist als die Benutzung der Fahrbahn: Radfahrer werden an Einmündungen und Grundstücksausfahrten auf Radwegen regelmäßig übersehen und innerorts gibt es diese Gefahrenpunkte alle paar Meter, so dass die Trennung von Rad- und Autoverkehr sich innerorts nicht bewährt: Das ist auch der Grund, warum die Bundesregierung 1997 die allgemeine Benutzungspflicht für Radwege aufgehoben hat und Radfahrer seitdem Radwege nur noch im Ausnahmefall benutzen müssen.
Wir brauchen daher mehr Miteinander im Verkehr und mehr gegenseitige Rücksicht. Der ADFC setzt sich aus diesem Grund dafür ein, dass Tempo 30 innerorts die Regelgeschwindigkeit wird. Das führt zu einem besseren Miteinander, weniger Lärm und lebenswerteren Städten. Selbstverständlich sind wir aber auch für gut ausgebaute Radwege, wenn sie abseits von Hauptstraßen geführt werden, wie es z.B. entlang des Mains der Fall ist. Auch vorfahrtsberechtigte und gut ausgebaute Fahrradstraßen können eine wichtige Rolle spielen, damit wir alle mit dem Rad im Berufsverkehr schnell, sicher und mit Freude durch Offenbach kommen.


Einer von vielen Kommentaren auf unserer Online-Seite zur Öffnung von Einbahnstraßen schreibt: „In zivilisierten Städten und Kommunen gäbe es für so ein Verhalten wenigstens eine bußgeldbewehrte Verwarnung.“ Demnach leben die Offenbacher in einer Wildnis...

Der Kommentator verwechselt wohl den Regelfall und die Ausnahme. Der Regelfall ist, dass alle Straßen generell in beide Richtungen genutzt werden dürfen. Nur bei einer besonderen Gefahrenlage darf eine Stadt wie Offenbach überhaupt eine Einbahnstraße einrichten. Wenn aber für Radfahrer der Zweirichtungsverkehr kein Problem ist, weil Radfahrer nicht so viel Platz beanspruchen und wendiger sind als Autofahrer, dann ist die Einbahnstraßenfreigabe für den Radverkehr der Regelfall und nicht die Ausnahme. Das Verwaltungsgericht Gießen hat dies erst vor kurzem bestätigt, indem es Radfahrern Recht gegeben hat, dass Einbahnstraßen grundsätzlich für den Radverkehr zu öffnen sind. In dem Fall musste eine mittelhessische Gemeinde die Einbahnstraße für den Radverkehr öffnen und die Gerichtskosten übernehmen. Sie sehen, dass auch Kommunen „bußgeldbewährte Verwarnung“ bekommen können, wenn sie die StVO falsch umsetzen und Einbahnstraßen für den Radverkehr nicht freigeben.


Es gibt Einbahnstraßen, die dem geltenden Recht entsprechend für Radverkehr in Gegenrichtung freigegeben sind. Andere Einbahnstraßen mit vergleichbarer Charakteristik sind nicht freigegeben. Mangelt es an ein einer Einheitlichkeit? Andersrum: Würde eine generelle Freigabe es nicht für alle Verkehrsteilnehmer einfacher machen?

Grundsätzlich haben Sie Recht, denn Ziel sollte es sein, möglichst alle Einbahnstraßen innerhalb einer Stadt freizugeben, so wie es auch Frankfurt nahezu flächendeckend in den letzten Jahren gemacht hat. Offenbach wird das nach den mir bekannten Plänen auch in zwei Jahren umgesetzt haben, so dass dann die Einheitlichkeit gegeben ist.
Von heute auf morgen alle Einbahnstraßen quasi per Änderung der bundesweiten StVO zu öffnen, ist jedoch nicht sinnvoll: Dann dürften Radfahrer ja auch auf der viel und schnell befahrenen Langstraße in Bürgel ohne jegliche Sicherungsmaßnahmen entgegen der Einbahnstraße fahren. Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt sicher keine gute Idee, aber denkbar wäre das natürlich, wenn dort nach Bau der Umgehungsstraße eine Tempo 30-Zone entstehen würde und die Einmündungen sicher gestaltet werden.
Sie merken: Bei Tempo 30 wäre vieles einfacher und sicherer und man wäre nicht einmal langsamer, weil so manche Ampel wegfallen könnte.


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